
Hast Du Dir jemals diese Fragen gestellt:
Wenn ich stundenlang am Instrument sitze, jede Note, jede Phrase immer wieder durchgehe, und selbst nach all den Jahren noch an Details feile – könnte sich schon der Gedanke einstellen: „Bin ich jemals fertig mit Üben?“ Wann kommt der Punkt, an dem man sagen kann: „Jetzt kann ich es“? Diese Fragen sind nicht nur für mich als Profi relevant, sondern auch für alle, die Musik als Hobby oder Leidenschaft betreiben.
Der Mythos des „Fertig-Seins“
Musik ist eine Kunstform, die ständig wächst und sich verändert. Selbst die größten Meisterwerke, die Jahrhunderte überdauert haben, bleiben lebendig und lassen sich immer wieder neu interpretieren. Und genau das macht den Reiz aus – es gibt in der Musik kein „fertig“. Jedes Stück, jede Technik, jede Stilrichtung ist wie eine unendliche Landschaft, die wir zwar bereisen, aber nie ganz erobern können.
Für mich als Profi bedeutet das, dass jedes Konzert, jede Aufnahme und jede Probe eine Möglichkeit ist, etwas Neues zu entdecken. Auch wenn ich ein Stück schon unzählige Male gespielt habe, finde ich immer wieder Details, die ich verbessern oder anders interpretieren kann. Die Kunst liegt darin, die Reise zu genießen, anstatt das Ziel anzustreben. Das ist einer der großen Unterschiede zwischen Musik und vielen anderen Bereichen des Lebens – das Streben nach Perfektion ist unendlich und nie abgeschlossen.
Wann ist es „gut genug“?
Das Gefühl, ein Stück zu beherrschen, ist dabei ein entscheidender Meilenstein, der mir als Musikerin hilft, ein Werk ausdrucksstark und sicher vorzutragen. „Gut genug“ ist nicht das Gleiche wie „perfekt“ – es ist der Punkt, an dem ich mich mit dem Stück so vertraut fühle, dass ich frei musizieren kann, ohne über jede Note nachzudenken. An diesem Punkt kann ich loslassen und meine Persönlichkeit durch das Werk hindurchscheinen lassen.
Auch für Amateure und Musikliebhaber gilt das. Es geht nicht darum, ob jede Note exakt getroffen wird, sondern darum, ob die Musik fließt und die Emotion spürbar ist. Dieser Moment, wenn man sich beim Spielen oder Singen „gut genug“ fühlt, ist ein kleines, persönliches Ziel. Der Weg dahin ist für Profis und Laien ähnlich: Geduld, Leidenschaft und die Freude am Entdecken neuer Nuancen.
Profis und Liebhaber: Geteilte Parallelen im Prozess
Als Musikerin kann ich sagen, dass Profis und Liebhaber oft viel mehr gemeinsam haben, als man denkt. Beide investieren Zeit und Herzblut, um sich in einem Werk oder einer Technik zu vertiefen. Ein Amateur übt vielleicht weniger Stunden, aber die Hingabe, das Ausprobieren und das Suchen nach Ausdruck ist dasselbe. Egal, ob man für ein Konzert im Opernhaus oder für die Familie spielt – das Bedürfnis, die Musik auszudrücken und zu verbessern, verbindet uns.
Beide Gruppen kennen auch das Gefühl, an einem bestimmten Punkt anzukommen und zu merken: „Jetzt habe ich einen Durchbruch.“ Oder auch die Frustration, wenn etwas nicht so gelingt, wie man es möchte. Die Freude, nach Wochen oder Monaten endlich eine schwierige Passage zu meistern, ist etwas, das jeder Musiker – Profi oder Liebhaber – nachvollziehen kann.
Der ständige Wandel und das Loslassen
Musik entwickelt sich, und genauso entwickelt sich auch unser Können und unser Verständnis. Ein Stück, das ich vor fünf Jahren gespielt habe, klingt heute anders. Ich selbst habe mich verändert, und die Musik spiegelt das wider. Das Wissen, dass alles im Fluss ist, macht das Üben zu einer ständigen Reise – nicht zu einer Aufgabe, die irgendwann beendet ist.
Ich denke, die große Kunst ist es, das Loslassen zu lernen. Nicht das Ziel, „fertig“ zu sein, sollte im Vordergrund stehen, sondern die Freude am Musizieren und das Vertrauen, dass jedes Üben, jedes Spielen uns ein kleines bisschen weiterbringt. Fertig wird man nie – und das ist vielleicht das Schönste daran.






